
Neulich fand ich in der DB Mobil einen schönen Artikel über die Berliner Designerin Franziska Wodicka, die rund um alte Schubladen herum neue Schränke baut. Das Ergebnis: individuelle Möbel mit ihren ganz eigenen Geschichten dank der Schubladen, die man entweder selbst mitbringt oder sich aus dem Lager von über 800 alten Schubläden die passenden aussucht.
Das ist “Vintage”, “nachhaltig (schön und haltbar)” und noch dazu ein echtes Unikat aus der Manufaktur. Aus meiner Sicht ist z.B. ein solches Unternehmen Ausdruck eines immer stärker werdenden Wunsches nach Einzigartigkeit, Authentizität, nach “echten Produkten”, mit “echten Menschen und deren Geschichten” dahinter. Und nicht zuletzt auch eine Antwort - um Simonetta Carbonaro zu zitieren- auf die “Zuvielisation“, die “Überflussgesellschaft”.
Ich glaube, dass z.B. der Erfolg der Slow-Food Bewegung mehr aussagt, als “nur” die Sensucht nach Lebensmitteln, die “ehrlich gut” sind. Da ist etwas in Bewegung geraten, das längst immer mehr Lebensbereiche erfasst: Wir sehnen uns nach “Unmittelbarkeit”, nach der Auflösung eines “Sinnvakuums”, danach “mehr zu wissen” über ein Produkt und dessen Entstehungsgeschichte – verbunden mit dem Wunsch, so etwas wie das “ehrlich Gute” dabei zu finden. Letztlich ist es sehr einfach: Es ist vielleicht der zutiefst menschliche Wunsch, eine Beziehung zu etwas herzustellen – in der “Multioptionsgesellschaft“.
Und wie sehr dieses Bedürfnis längst nicht mehr nur ein Thema ist für eine ganz kleine gesellschaftliche Gruppe, sieht man aus meiner Sicht sehr gut daran, dass ich einen Artikel über die Designerin Franziska Wodicka in der DB Mobil wiederfinde. Einem Magazin mit einer Auflage von mehreren Hundertausend Exemplaren.
Simonetta Carbonaro hat den Think Tank “The Design of Prosperity” gegründet – einer der Grundgedanken dahinter: einfach weniger, dafür aber besser. Ich glaube auch, es geht tatsächlich darum, zu einer neuen Form von Lebensqualität im Sinne von “qualitativem Reichtum” zu finden.
Mich erinnert das an den berühmte Band von Walter Benjamin “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” – der Gesellschaftstheoretiker und Philosoph gab damals zu bedenken, dass dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit seine Aura verloren ginge.
Womit wir wieder bei den Kommoden mit den Schubladen von Franziska Wodicka wären: Industriell zu fertigen sind diese nicht – was immer mehr Menschen an Gegenständen wie diesen zu faszinieren scheint, ist – so glaube ich – Ihre Aura und die Beziehung, die wir dadurch dazu haben.




