Mit ‘Slow Food’ getaggte Artikel

….über das “Ehrlich Gute”

Montag, 15. März 2010

41-08_perspektiv_01

Neulich fand ich in der DB Mobil einen schönen Artikel über die Berliner Designerin Franziska Wodicka, die rund um alte Schubladen herum neue Schränke baut. Das Ergebnis: individuelle Möbel mit ihren ganz eigenen Geschichten dank der Schubladen, die man entweder selbst mitbringt oder sich aus dem Lager von über 800 alten Schubläden die passenden aussucht.

Das ist “Vintage”, “nachhaltig (schön und haltbar)” und noch dazu ein echtes Unikat aus der Manufaktur. Aus meiner Sicht ist z.B. ein solches Unternehmen Ausdruck eines immer stärker werdenden Wunsches nach Einzigartigkeit, Authentizität, nach “echten Produkten”, mit “echten Menschen und deren Geschichten” dahinter. Und nicht zuletzt auch eine Antwort - um Simonetta Carbonaro zu zitieren- auf die “Zuvielisation“, die “Überflussgesellschaft”.

Ich glaube, dass z.B. der Erfolg der Slow-Food Bewegung mehr aussagt, als “nur” die Sensucht nach Lebensmitteln, die “ehrlich gut” sind. Da ist etwas in Bewegung geraten, das längst immer mehr Lebensbereiche erfasst: Wir sehnen uns nach “Unmittelbarkeit”, nach der Auflösung eines “Sinnvakuums”, danach “mehr zu wissen” über ein Produkt und dessen Entstehungsgeschichte – verbunden mit dem Wunsch, so etwas wie das “ehrlich Gute” dabei zu finden. Letztlich ist es sehr einfach: Es ist vielleicht der zutiefst menschliche Wunsch, eine Beziehung zu etwas herzustellen – in der “Multioptionsgesellschaft“.

Und wie sehr dieses Bedürfnis längst nicht mehr nur ein Thema ist für eine ganz kleine gesellschaftliche Gruppe, sieht man aus meiner Sicht sehr gut daran, dass ich einen Artikel über die Designerin Franziska Wodicka in der DB Mobil wiederfinde. Einem Magazin mit einer Auflage von mehreren Hundertausend Exemplaren.

Simonetta Carbonaro hat den Think Tank “The Design of Prosperity” gegründet – einer der Grundgedanken dahinter: einfach weniger, dafür aber besser. Ich glaube auch, es geht tatsächlich darum, zu einer neuen Form von Lebensqualität im Sinne von “qualitativem Reichtum” zu finden.

Mich erinnert das an den berühmte Band von Walter BenjaminDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” – der Gesellschaftstheoretiker und Philosoph gab damals zu bedenken, dass dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit seine Aura verloren ginge.

Womit wir wieder bei den Kommoden mit den Schubladen von Franziska Wodicka wären: Industriell zu fertigen sind diese nicht – was immer mehr Menschen an Gegenständen wie diesen zu faszinieren scheint, ist  – so glaube ich – Ihre Aura und die Beziehung, die wir dadurch dazu haben.

Zurück zur Natur im Slow Life?

Montag, 18. Januar 2010

green_fashionparty

Grüne Themen sind unübersehbar in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Erst entdeckten wir “Bio-Food”, dann rückte Öko-Strom ins Bewusstsein und nun etabliert sich auch der “Green-Fashion-Markt” (wen es interessiert, “Pflichtlektüre” dazu ist der Blog von Kirsten Brodde, diese Woche trifft sich die Welt grüner Mode und nachhaltigen Lebensstils auf der “THEKEY.TO”, Stefanie Erhardt und ich werden auch da sein).  Und für die, die auch im Urlaub nicht ohne Bio sein möchten, gibt es zum Beispiel mit den Bio-Hotels entsprechend schöne Destinationen. Wer autolos in die Alpen reisen will, findet bei den Mitgliedsorten der “Alpine Pearls” immer mehr Angebote.

Plötzlich stand also fast überall “Bio” und “nachhaltig” drauf. Wegweiser durch diesen Produktdschungel mussten her und damit begann auch der “Aufstieg” der Zertifizierungen und Siegel – allen voran das neue “Bio-EG Öko-Siegel” bis hin zu deutlich mehr Aufmerksamkeit für die schon jahrzehntealten Verbände, wie Bioland und Demeter, oder das “OK-Power Label” bei Öko-Strom.

Eine Studie des Schweizer Gottlieb Duttweiler Instituts im Auftrag von Pro Natura mit dem Titel “Die Zukunft der Natur” fasst diese Entwicklung und die möglichen Konsequenzen für das Thema Nachhaltigkeit – wie ich finde - sehr treffend zusammen: “Der Erfolg des Nachhaltigkeitskonzeptes birgt die Gefahr, dass Kunden und Unternehmen sich wieder von ihm abwenden: Erstens wegen des drohenden Informationsoverkills der Konsumenten. Zweitens weil das einzelne Unternehmen sich immer weniger durch Nachhaltigkeit von seinen Konkurrenten abheben kann, wenn immer mehr Firmen auf diese Strategie setzen.”

Aus meiner Sicht gibt es hier jedoch zwei ganz zentrale Unterschiede: Verfolge ich als Unternehmen eine “ergrünte Marketingstrategie” für mehr oder weniger konventionell produzierte Ware oder mache ich als Unternehmen wirklich einen Unterschied - mit einem “nachhaltigen Geschäftsmodell”?

Nicole Lüdi, die Autorin der Studie, fasst das zusammen: “Ökologische Nachhaltigkeit wird in den reichen westlichen Gesellschaften bei den Mainstreamkonsumenten zu einem Leitwert. Dieser Wert zielt darauf ab, die Natur für folgenden Generationen zu erhalten, und fordert darum einen schonenden Umgang mit ihr. Was Nachhaltigekeit in der Umsetzung konkret bedeutet, wird in verschiedenen Konzepten unterschiedlich beantwortet.  Beispielsweise propagieren die einen die Reduktion oder gar den Verzicht auf Konsum. Andere setzen auf intelligente Produkte, die ressourcenschonend produziert werden oder vollständig ökologisch abbaubar sind.” (Lesetipp dazu von mir “Die nächste industrielle Revolution” (Braungart) zum Cradle to Cradle Prinzip). Doch was setzt sich durch? Nicole Lüdi merkt auch an, “nachhaltig, ökologisch, biologisch, grün – Konsumenten können diese Begriffe kaum noch voneinander abgrenzen”. Und sie fügt hinzu, dass die Verbreitung des Begriffs der Nachhaltigkeit nicht automatisch mit nachhaltigem Verhalten verbunden sein wird. Das bleibt abzuwarten.

Aus meiner Sicht ist nur eines klar, es wird im gesamten Nachhaltigkeitsbereich eine Entwicklung geben, die am einen Ende “echt nachhaltig” anbietet und am anderen Ende “etwas nachhaltig” . Besagte Studie meint dazu: “Am einen Ende des Spektrums werden dann in Nischenmärkten hochpreisige Produkte angeboten, die konsequent nachhaltig produziert wurden und durch einwandfreie Qualität, gutes Design und einen hohen Wert bestechen. (…) Am anderen Ende des Spektrums werden vermehrt Anbieter auf den grünen Markt drängen, die nach dem Prinzip der Profitopimierung funktionieren und Massenproduktion betreiben. Nachhaltigkeit ist für sie ein Aspekt des Marketings respektive ein Mittel zur Gewinnsteigerung.”

…und dazwischen wird es noch mehr unterschiedliche Angebote in unterschiedlichen “Graustufen” geben als bisher. In welche Richtung sich der Markt entwickelt, liegt am Verbraucher, der mit wachsendem Marktangebot nicht umher kommt, sich zu informieren und zu hinterfragen. Wie sich der Nachhaltigkeitsmarkt insgesamt entwickeln wird, lässt sich z.B. anhand von Kampagnen, wie der zu “Echt bio” oder der spannenden Entwicklung der Slow Food Bewegung erahnen. Aus meiner Sicht wird es in Zukunft weniger um “ob nachhaltig” gehen,  sondern um “wie viel nachhaltig” gehen. Und dahinter steht letztlich der Wunsch “nach dem guten Leben”, was auch immer der Einzelne damit verbinden möge…. Nicht umsonst folgt dem Slow Food gerade Slow Fashion (siehe auch z.B. der österreichische Slow Fashion Award) und es gibt bereits die ersten Konferenzen zu Slow Life….

Noch Ideen?

Dienstag, 22. Dezember 2009

 

Bild: Copenhagen Design Week

Immer Montag morgens treffen sich alle Mitarbeiter von Triodos und diskutieren Fragen der Nachhaltigkeit. Das ist in allen europäischen Filialen so. Diese Woche ging es bei uns in Frankfurt um die gescheiterten Verhandlungen in Kopenhagen. Die Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen ging von „enttäuscht“ über „ich habe nichts anderes erwartet“ oder „meine Freunde haben mir gesagt, dass sie jetzt selber mehr tun wollen, wenn die Politiker es nicht schaffen“ bis „die zweiwöchigen Gespräche der vielen engagierten Teilnehmer werden ihre positive Wirkung noch zeigen“.

Mein Eindruck: Viele Menschen sind jetzt wacher geworden für den Erhalt der Erde. Es geht aus meiner Sicht jedoch um die zentrale Frage: Wie komme ich vom Verstehen zum Handeln, von der Einsicht zum Tun? Was kann ich tun, ganz konkret, in meinem Lebensumkreis? Wir leben über unsere Verhältnisse, das wissen wir seit langem, aber wir tun zu wenig.

Simonetta Carbonaro hat auf unserer Eröffnungsveranstaltung den Begriff der “Zuvielisation” gebraucht. Es geht also um “weniger ist mehr”, dass allerdings einfach qualitativ besser. Ökologischer, aber genau so viel, reicht nicht. Wir können jeder etwas an unseren eigenen Verhaltensweisen ändern, z.B. weniger Fleisch essen, Strom sparen und auf Öko-Strom umsteigen, öfter mal die Bahn statt das Auto verwenden, weniger Kaffee trinken und wenn dann fair gehandelten Bio-Kaffee. Dabei geht es einfach um “bewussten Konsum” – letztlich auch eine Idee, die mit Verbänden wie Demeter genauso eng verbunden ist wie mit der ganzen Slow-Food Bewegung.

Aber es geht auch noch um etwas Anderes: nicht warten, bis der Andere was tut oder “die Politiker”, sondern aus Interesse am Anderen ins Tun kommen, aus Engagement gegen die bereits vorhandenen Umweltschäden vorangehen und handeln. Noch Ideen?