Mit ‘nachhaltige Geldanlage’ getaggte Artikel

Wir fordern zu neuem Denken über Bankwesen auf

Freitag, 21. Oktober 2011

Die aktuellen weltweiten zivilen Proteste gegen die Bankenbranche – u.a. in Form der Occupy-Bewegung – zeigen: die Bevölkerung fordert ein Umdenken in Bankenbranche und Politik. Seit Ausbruch der Finanzkrise ist aus ihrer Sicht nicht genug verändert worden. Sie wollen eine andere Form von Bank – ein neues Denken über Bank. Wir als Triodos Bankhaben sehr großes Verständnis für die zivilen Proteste und möchte in Deutschland den Dialog über ein Umdenken aktiv mitgestalten.

Was ist aus Sicht der Triodos Bank die „neue Bank“?

1. Die Bank konzentriert sich wieder auf ihre Kernaufgabe, für die sie durch die Gesellschaft beauftragt worden ist: Einlagen einsammeln und hiermit Kredite vergeben.

Alle weiteren Aufgaben, die viele Banken heute betreiben, speziell riskante Investments, müssen von diesem Kerngeschäft abgespalten werden. Selbst dann gilt jedoch: Keine Spekulation. Derivative Produkte sind aufzugeben, solange sie nicht unmittelbar der Finanzierung der Realwirtschaft dienen. Der Eigenhandel ist einzustellen

2. Die Bank ist transparent. Dem Kunden und anderen Interessensgruppen ist zu jeder Zeit klar, was die Bank finanziert bzw. in was sie investiert, wie sie ihre Erträge und Rendite erwirtschaftet, welche Risiken sie hierbei eingeht und wie sie diese managt.

3. Die Bank ist mittelständisch. Dies geht einher mit einer thematischen (Bsp. Nachhaltigkeit)  bzw. geographischen Spezialisierung.

Denn Größe ist kein Selbstzweck. Deshalb sollte gelten: Umso größer eine Bank, umso mehr Eigenkapital muss sie vorweisen. Mit Größe der Bilanzsumme sollten insgesamt die Eigenkapitalanforderungen steigen.

4. Die Bank handelt nicht nur im Interesse ihrer Anteilseigner, aber auch im Interesse anderer Anspruchsgruppen, insbesondere Kunden und Mitarbeiter. 

Die Bank ist sich ihres gesellschaftlichen Auftrages bewusst. Ihr Ziel ist nicht die kurzfristige Profitmaximierung, sondern die Maximierung der Nachhaltigkeit als Einklang von Mensch, Umwelt und Wirtschaft.

5. Die Bank hat klare Ausschlusskriterien, was sie aus ethisch-ökologischen Gründen nicht finanziert. Diese werden veröffentlicht und die Bank lässt sich hieran messen. Die Bank sollte in ihrer Finanzierungs- und Investitionstätigkeit auch nachhaltige Unternehmen und Projekte einschließen.

Risiken müssen minimiert und kontrolliert werden. Denn es ist die oberste Pflicht der Bank, ihre kontinuierliche Rolle als Finanzierer der Realwirtschaft nicht unnötig zu gefährden. 

6. Die Bank wird von Bankern geführt, die sich ihrer wichtigen gesellschaftlichen Rolle bewusst sind und diese auch erfüllen können. Sie denken in Beziehungen, nicht in Transaktionen. Sie denken langfristig, nicht kurzfristig und machen ihre Handlungen transparent.

Sie brauchen für die Erfüllung ihrer Aufgaben keine Anreizsysteme. Sie sind bereit, hierfür auch einen Eid zu schwören (wie dies in den Niederlanden bereits praktiziert wird).

Nachhaltigkeitsbanken wie die Triodos Bank stehen für diese Forderungen. Sie liefern mit ihrem kontinuierlichen Wachstum von im Durchschnitt 20% p.a. den Beweis, dass ein solches Geschäftsmodell auch wirtschaftlich erfolgreich sein kann, ohne Mensch(lichkeit) und Umwelt zu kompromittieren.

Ein anderes Bankwesen ist möglich. Politik und Bankenbranche müssen handeln. Sie müssen dies im Dialog mit der Bevölkerung machen – denn ihr sind sie verpflichtet, von ihr erhalten sie den gesellschaftlichen (Existenz-)auftrag. Die Zeit zu handeln ist jetzt.

“Positiven Druck ausüben” – Alice Byers ist Nachhaltigkeitsanalystin beim Triodos Bank Research Team

Donnerstag, 29. Juli 2010

Nachhaltigkeitsanalystin Alice Byers

Nachhaltigkeitsanalystin Alice Byers

Alice Byers ist eine unserer Nachhaltigkeitsanalystinnen. Die gebürtige Kanadierin arbeitet seit zwei Jahren für das Research Team der Triodos Bank. Zu ihrem Fachgebiet gehört die Papier- und Forstwirtschaft. Das Research Team ist auf verschiedene Standorte verteilt. Alice Byers arbeitet bei uns in Frankfurt, ihre Teamkollegen sitzen zum Beispiel in Großbritannien und den Niederlanden. Für den TriodosBlog haben wir sie zu ihrer täglichen Arbeit befragt.

Alice, was macht eine Nachhaltigkeitsanalystin bei der Triodos Bank?

Gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen unterstütze ich die anderen Geschäftsbereiche der Triodos Bank mit Hinweisen und Erkenntnissen aus der Forschung über Nachhaltigkeitsthemen. Unser Team entwickelt und aktualisiert konkrete Positionen der Triodos Bank, Perspektiven und Mindeststandards – vor allem für unsere SRI-Produkte. SRI steht für Socially Responsible Investment, also nachhaltige Kapitalanlage in Form von Fonds. Wir erforschen viele unterschiedliche soziale und ökologische Themen, damit die Triodos Bank weiterhin zu den Meinungsführern auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit gehört und unsere geschäftlichen Entscheidungen unsere Werte reflektieren.

Wir schreiben auch die Triodos Bank Position Papers, das sind Denkschriften über unseren Standpunkt zu Menschenrechten, Kernenergie und Tierversuchen. Zusätzlich prüfen wir auch Geschäftspartner und Dienstleister der Triodos Bank. Von der Birne bis zum Druckertoner, vom Kaffee bis zum Stromerzeuger wählen wir immer die Produkte und Dienste mit den besten sozialen und ökologischen Ergebnissen. Trotzdem müssen Qualität und Nutzwert stimmen. In einigen wenigen Fällen sind wir leider auf Anbieter angewiesen, die nicht vollumfänglich unseren Kriterien standhalten. Das ist dann der Fall, wenn kein anderer Anbieter existiert oder in Frage kommt.

Was sind Mindeststandards?

Wir haben eine bestimmte Methodologie für unser Arbeit, basierend auf der ‘best-in-class’-Klassifizierung und unseren Mindeststandards. Insgesamt haben wir mehr als zwanzig solcher Mindeststandards. Sie betreffen Themen wie Rüstung und Waffen, Tierversuche, Umweltschäden, Unternehmensführung (Corporate Governance), Korruption, Arbeitsrecht, Menschenrechte, Pornografie, Tabak, Alkohol, Glücksspiel, usw. Natürlich sind nicht alle Kriterien für jedes Unternehmen oder jede Branche relevant. Wir müssen übrigens auch entscheiden, was „relevant“ überhaupt bedeutet. Das ist nicht immer einfach!

Wenn möglich, nutzen wir internationale Standards und bewährte Verfahren: The International Labour Organisation Basic Labour Rights, the United Nations Declaration of Basic Human Rights, EU Gesetze oder internationale Gruppen für bestimmte Rohstoffe oder Themen, wie Biodiversität, Abforstung oder Kinderarbeit. Diese Mindeststandards werden immer wieder erneuert, so dass wir immer noch ein Stück weiter in die richtige Richtung gehen. Unsere Methodologie ist sehr eng mit weiteren Informationsquellen verbunden. Wir arbeiten mit anderen Forschungspartnern, wie Sustainalytics und dem European Corporate Governance Service, haben Kontakte mit Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Nachhaltigkeitsstandards wie dem Bio- oder dem Fair-Trade-Siegel, integrieren Berichte von internationalen Organisationen und stehen in engem Kontakt zu den Unternehmen, die wir untersuchen. Natürlich arbeiten wir auch eng mit unseren Triodos Kollegen, dem Triodos Vorstand, dem Geschäfts- und Privatkundenbereich. Wir haben außerdem einen sehr wichtigen Beirat, eine Gruppe von Experten aus dem akademischen Umfeld, der Politik, verschiedenen NGOs und der Geschäftswelt.

Was bedeutet „best-in-class“?

Einen großen Teil unserer Arbeit investieren wir für die Fonds der Triodos Bank. Für sie suchen wir Firmen, die aus einer sozialen oder ökologischen Perspektive besonders positiv auffallen. Aus diesem Blickwinkel ermitteln wir auch die jeweils besten Firmen von ganz normalen, nicht grundsätzlich nachhaltigen Branchen. Erst schauen wir, welche Unternehmen ‘best-in-class’ – die Besten in ihrer Branche – sind, dann überprüfen wir ganz genau, ob sie unsere Mindeststandards erfüllen. Ungefähr 23 Prozent der Firmen die wir untersuchen, sind Anwärter oder bereits anerkannte Unternehmen unserer Fonds.

Allerdings versuchen wir natürlich die Firmen, in die wir investieren, davon zu überzeugen, weiter ihre sozialen und ökologischen Ergebnisse zu verbessern. „Best-in-class“ bedeutet also nicht, dass das Unternehmen schon 100 Prozent nachhaltig wirtschaftet. Uns ist sehr wichtig, verantwortungsvolle, aktive und engagierte Aktionäre zu sein. Indem wir die Vertretung für unsere Anleger bei der Hauptversammlung eines Unternehmens übernehmen – man spricht dabei von Proxy Voting – können wir dort Fragen zur Firmenpolitik stellen und Veränderungen anregen. Im April dieses Jahres nahm Georg Schürmann diese Chance bei Henkel wahr. Gerade auf einer Hauptversammlung ist es möglich, Fragen zur Nachhaltigkeit zu stellen. Wir wollen beispielsweise wissen, ob das Gehalt des Firmenvorstands an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft ist oder ob das Unternehmen feste Ziele für die Verringerung der CO2-Emission verfolgt. Häufig bitten uns die Unternehmen dann auch um persönliche Termine, bei denen wir unsere Expertise vermitteln können. Bei gesellschaftlichen Kontroversen fragen wir grundsätzlich nach, wie die Unternehmen damit umgehen. Bei einem Autohersteller würden wir zum Beispiel erwarten, dass er die Entwicklung alternativer Antriebstechnologien voran bringt. Positiven Druck üben wir schließlich auch über unsere Website aus. Dort sind nur die Unternehmen aufgeführt, die unsere Kriterien erfüllen.

Wie schwer ist der Informationsbeschaffungsprozess?

Das hängt vom Unternehmen, der Branche und dem Thema ab. Mal ist es ist leichter, mal schwerer. Wann immer wir nicht weiter kommen, fragen wir beim Unternehmen nach. Transparenz ist uns sehr wichtig – und wenn sie nicht antworten können oder wollen, dann ist das ein Ausschlusskriterium. Es ist beispielsweise sehr schwierig herauszufinden, ob ein Finanzinstitut Beziehungen zu Rüstungsunternehmen unterhält. Wir müssen fast immer die Banken selbst fragen. Tierversuche sind ein weiteres Thema, bei dem wir oft nachfragen müssen. Wir akzeptieren beispielsweise Tierversuche nur dann, wenn sie medizinisch notwendig sind oder der Gesetzgeber sie fordert.

Wie arbeitet das europäische Research-Team zusammen und aus welchen Bereichen kommen die Analysten?

Wir sind ein Team mit Spezialisten auf unterschiedlichen Gebieten und arbeiten ziemlich eng zusammen. Der Kern unseres Teams sitzt in der Zentrale in den Niederlanden. Zusätzlich haben wir Kollegen in der britischen, der belgischen und der deutschen Niederlassung. Wir telefonieren und mailen täglich, auch Telekonferenzen gibt es häufig. Viermal pro Jahr treffen wir uns in den Niederlanden. Das Team setzt sich aus zwölf Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen zusammen: Biologie, Volkswirtschaft, Ökologie, Umweltpolitik, nachhaltiger Tourismus und Sozialarbeit. Wir arbeiten immer im Team, jede Analyse wird von anderen Kollegen überprüft.

Zusätzlich diskutieren wir häufig in unseren wöchentlichen Prozessterminen über bestimmte Aspekte. Wir treffen uns mehrmals im Jahr mit dem Beirat und mit dem Vorstand der Triodos Bank. Wenn ein Thema also sehr komplex und vielschichtig ist, können wir das im Team ansprechen oder auch den Beirat konsultieren. Meine Kollegen und ich bitten außerdem oft um Input, wenn es um kontroversere Themen oder besonders komplizierte Fragen geht. Neulich habe ich bei unserem wöchentlichen Montagsmeeting den Kollegen der Triodos Bank das Thema Tierversuche vorgestellt. Daraus ergab sich eine Diskussion, die mir wiederum neuen Input lieferte. Diese Meetings finden in allen Standorten statt und fördern teilweise länderspezifisch unterschiedliche Meinungen und Aspekte zu Tage.

Wie fließt eure Forschung dann in die praktische Arbeit der Triodos Bank ein? Welche Rolle spielen beispielsweise deine Ergebnisse für unsere Fonds oder andere Produkte?

Das Triodos Research Team ist wirklich ein Eckpfeiler unserer Bank. Unsere Analysen beeinflussen fast jede Entscheidung – was ist unsere Position, wer sind unsere Geschäftspartner und Geschäftskunden, wo und mit wem arbeiten wir, in welches Unternehmen investieren wir? Wir entscheiden, welche Firmen für unsere Fonds in Frage kommen und welche Autos unsere Mitarbeiter fahren. Es ist jedenfalls eine sehr spannende Arbeit und ich lerne immer wieder etwas Neues.

Alice, vielen Dank für diesen umfassenden Einblick in deine Arbeit.