In der Oktober-Ausgabe unseres Mehr.Wert-Newsletters berichteten wir von der Energiewende in Nordrhein-Westfalen. Ein wichtiges Thema: Denn mehr als ein Drittel aller deutschen Treibhausgas-Emissionen entsteht in NRW. Grund hierfür: In keinem anderen Bundesland gibt es so viel Schwerindustrie. Man denke nur an das Ruhrgebiet-Klischee von den Fördertürmen der Zechen und den Schornsteinen der Kokereien und der Eisen- und Stahlhütten.
Eine zentrale Rolle in der Energiewende von NRW spielt die EnergieAgentur.NRW. Was die Agentur und das Bundesland für eine nachhaltigere Zukunft im Sinne der Ökologie unternehmen, das wollten wir genauer wissen und haben bei Herrn Goedecke, Energieberater bei der EnergieAgentur, nachgefragt:
Herr Goedecke, was genau ist die EnergieAgentur NRW und was sind ihre Aufgaben?
Die EnergieAgentur.NRW ist eine Einrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen, die im März 1990 gegründet wurde. Wir werden getragen vom NRW-Klimaschutzministerium. Das heißt, wir sind jetzt im 22. Geschäftsjahr. Seit der Anfangszeit bieten wir Beratung für kleine und mittlere Einrichtungen, als auch Vereine und Verbände in Nordrhein-Westfalen – also für Städte, Gemeinden und mittelständische Unternehmen – in den Bereichen Energieeffizienz und Nutzung unerschöpflicher Energiequellen. Der Erfolg liegt darin, dass wir als neutrale, nicht-kommerzielle Einrichtung fungieren. Natürlich haben sich die Dienstleistungen der EnergieAgentur.NRW im Laufe der Zeit gewandelt – und auch erweitert.
Drei Jahre nach unserer Gründung haben wir Aufgaben in der Energie-Weiterbildung übernommen. Zwar haben wir keine Weiterbildungsakademie, aber wir haben bestimmte Themen methodisch und didaktisch aufbereitet und bieten sie – nebst geschulten Referenten – professionellen Weiterbildungsträgern an. Zielgruppen in diesem Bereich des Wissensmanagements – wie es heute auch genannt wird – gehen von Fachingenieuren über Handwerker wie Hausmeister bis zu Endverbrauchern – wie zum Beispiel Vermietern und Einfamilienhaus-Besitzern.
Unter anderem greift das Wissensmanagement auch das Nutzerverhalten in großen Einrichtungen, in Verwaltungen und in größeren Unternehmen im Einzelnen auf. Ein herausragendes Projekt, das wir lange Jahre betreuten, ist sicherlich die „Mission E“ bei der Bundeswehr. Dort wurde das Nutzerverhalten der Angestellten teils mit Energiesparinitiativen geschult. Das Projekt wird mittlerweile auf andere Bundesliegenschaften übertragen.
Zudem koordiniert die EnergieAgentur.NRW Netzwerke, das Cluster Energieforschung CEF.NRW und das Cluster EnergieRegion.NRW. In diesem Zusammenhang moderieren wir Foren zum Beispiel für Kraftwerkstechnik – unter anderem im regenerativen Bereich mit Wasserkraft und Windkraft.
Sie haben von Clustern gesprochen: Können Sie den Begriff näher erläutern?
Cluster sind Netzwerke. Es bedeutet nichts anderes, als dass unterschiedliche Akteure, die in der gleichen Branche tätig sind, Kräfte und Know-how bündeln, um mit der Summe Aller mehr zu erreichen, als es alleine möglich wäre. Beginnt beispielsweise eine Gemeinde ein Biomasse-Projekt, spricht sie dabei mit den Landwirten vor Ort über die Errichtung von Biogas-Anlagen und zieht sie zudem Vertreter der örtlichen Hochschule zu Rate, so entsteht eine solche aktive Verbindung: die Landwirte besitzen Boden, um Substrate anbauen und später wieder ausbringen zu können. Die örtliche Hochschule steuert Forschungsergebnisse bei. Und die Gemeinde realisiert das Biomasse-Projekt.
Grundsätzlich gesprochen sind Cluster eine Antwort auf den globalisierten Wettbewerb, der nicht mehr zwischen Unternehmen, sondern in regionalen Netzwerken stattfindet. Unternehmen profitieren von den Clustern, indem sie auf die Kompetenzen anderer Mitglieder zugreifen und sich auf eigene Kernkompetenzen spezialisieren können.
Sie koordinieren ganz gezielt Projekte, wie z. B. die „50 Solarsiedlungen NRW“: Können Sie ein Beispiel dafür nennen? Was sind die Herausforderungen?
Die „50 Solarsiedlungen NRW“ in NRW sind ein Erfolgsprojekt, das heute kurz vor dem Abschluss steht und schon einen Nachfolger hat, nämlich „100 Klimaschutzsiedlungen NRW“. Drei Kriterien, von denen zwei erfüllt werden mussten, haben zur Aufnahme einer Siedlung in dieses Projekt geführt: erstens ein Mehr an solarthermischer Nutzung, zweitens ein Mehr an Wärmeschutz bis zu Passivhaustechnik und drittens ein Mehr an Solarstromerzeugung. Ebenfalls sind Gesichtspunkte wie Anbindungen an öffentliche Verkehrssysteme zu berücksichtigen. Diese Kriterien, die im Einzelnen von einer Auswahlkommission überprüft wurden, haben dazu geführt, dass die „50 Solarsiedlungen“ heute alle vergeben sind und 37 schon fertig gestellt worden sind.
Was bedeutet konkret „ein Mehr“ an erneuerbaren Energien?
Ein Mehr an Energieeffizienzsteigerung. Das Unterschreiten der gesetzlichen Energieeffizienzgrenzen war eines der Hauptkriterien, um als Solarsiedlung anerkannt zu werden.
Ist es Zufall, dass eines der ersten Landesklimaschutzgesetze bundesweit (binnen der nächsten neun Jahre sollen die Treibhausgase in NRW um ein Viertel sinken) in NRW – und damit in einer traditionellen Kohleabbauregion – in Kraft treten soll oder kann man sagen, dass die Menschen hier besonders aus den Folgen Klima belastender Energiequellen gelernt haben?
Dass NRW ein Klimaschutzgesetz bekommt, ist sicherlich kein Zufall, sondern hängt eng mit der industriellen Geschichte das Landes und seiner Bedeutung als Energieproduzent und -verbraucher zusammen. In keinem anderen Bundesland wird mehr Energie erzeugt – aber auch verbraucht. Wenn hier also ein Klimaschutzgesetz umgesetzt wird, dann wird das Land damit vor allem seiner besonderen Verantwortung als Energieland Nummer eins gerecht. Zugleich gibt es in dieser Energieregion NRW eine Menge an Know-how, dass auch im Bereich der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien nutzbar gemacht wird.
Das heißt, Ihrer Meinung nach ist ein Bewusstsein für die Wichtigkeit einer Energiewende in der breiten Bevölkerung schon vorhanden?
Ja! Also ich arbeite unter anderem im Projekt „EnergieDialog NRW“. Zudem bin ich seit Gründung der Agentur im Bereich Windkraftberatung tätig. Heute erreichen uns sehr viele Anfragen darüber, wie sich die Kommunen oder Kreise im Klimaschutz weiterentwickeln können – wie in der Anfangszeit Mitte der 90er Jahre. Vom öffentlichen Widerspruch zum Beispiel gegen Windkraft ist nur noch selten etwas zu spüren.
Wie sehr ist ein Energiewandel auch von einem gesellschaftlichen Wandel abhängig?
Neben den Diskussionen über gesamtgesellschaftliche Aufgaben liegen wir im Augenblick in einer Diskussion darüber, inwieweit die Kreditwirtschaft auch von solchen Fragen betroffen ist. Der ehemalige Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP in Nairobi, Prof. Töpfer, prognostiziert unter anderem, dass der Wettbewerb um Kapital auch von Anlagenbetreibern erneuerbarer Energien und Energieeffizienzprojekten erfolgreich bestanden werden muss. Ich glaube, dies beschreibt einen Teil der Hürden, die auch in Zukunft noch genommen werden müssen.
Die Energiewende ist tatsächlich eine komplexe Herausforderung. Zum Beispiel: In den letzten zwei Jahrzehnten ist die Energieeffizienz pro Quadratmeter und Jahr im Wohnungsbau zwar gestiegen, gleichzeitig die Fläche, die jeder einzelne von uns bewohnt, aber ebenso. Inzwischen steht jedem Deutschen durchschnittlich eine Wohnfläche von bald 45 Quadratmetern zur Verfügung. Vor 20 Jahren waren es noch weniger als 35 Quadratmeter. Unterm Strich steht aufgrund dieses Rebound-Effekts, dass trotz gestiegener Energieeffizienz der Energieverbrauch praktisch nicht gesunken ist. Ein Effekt übrigens, den wir auch aus dem Automobilbau kennen. Die Motoren werden zwar effizienter, der Verbrauch sinkt aber nicht, weil die Autos immer schwerer und leistungsstärker werden. Die Herausforderung ist also nicht nur eine ingenieurwissenschaftlich-technische, es ist mindestens genauso eine mentale Herausforderung. Wir müssen – gerade was unsere Wohn- und Lebensgewohnheiten betrifft – uns verabschieden vom „größer ist besser“ und zu einem „weniger ist mehr“ kommen.
Welche erneuerbare Energietechniken würden Sie als besonders zukunftsträchtig sehen?
Auch wenn diese Frage im Detail diskussionswürdig ist, stimmt im Großen und Ganzen das Energiekonzept der Bundesregierung und der Landesregierung in NRW in zwei Bereichen, die Nachhaltigkeit und Klimaschutz fördern: Zum einen ist dies die Nutzung regenerativer Energiequellen und zum anderen die Effizienzsteigerung. Diese beiden Bereiche sind im Kern überall wieder zu finden und machen auch unsere Zukunftsfähigkeit aus, wenn wir als Nation es schaffen, die politischen Beschlüsse umzusetzen und in Zukunft ein wesentliches Mehr an regenerativem Strom in Deutschland zu erzeugen, als das bislang der Fall ist.
Heißt das, unser Weg zu flächendeckender Versorgung durch erneuerbare Energien ist noch sehr weit?
Laut den jüngsten Statistiken von 2010 liegt der Anteil regenerativen Stroms im Bundesdurchschnitt bei 16,8 %. Das Ziel ist eine Steigerung auf 35 % bis 2020. Das Land NRW hat sich die Aufgabe gestellt, den Anteil des Windstroms von 3% bis 2020 auf 15 % zu erhöhen. Der Anteil erneuerbarer Energien in NRW ist vergleichsweise niedrig, weil viel Strom aus Stein- und Braunkohle gewonnen wird. Wir sind eben „das Energieland NRW“.
Welche sind die langfristigen Ziele der EnergieAgentur.NRW des Landes Nordrhein-Westfalen?
Das Klimaschutzstartprogramm und die eingeläutete Energiewende geben viele Ziele des Dienstleisters EnergieAgentur.NRW vor. Viele Projekte des Landes NRW sind in den am Anfang beschriebenen Bereichen schon in Auftrag gegeben worden. Diese Projekte wollen wir natürlich auch zum Erfolg führen. Der Weg zur Kosteneffizienz ist das eigentliche Erfolgsrezept.
Sobald eine neue Energieform bezahlbar ist und obendrein noch zusätzlichen Nutzen bringt, hat sie den Durchbruch auf dem Markt geschafft.
Glauben Sie, dass ein Übergang zu 100 % erneuerbaren Energien realistisch ist?
Viele Wissenschaftler sagen, dass die Vollversorgung aus regenerativen Quellen realistisch ist. Bislang haben wir noch alle Karten in der Hand, das heißt wir haben noch die Gestaltungsmöglichkeiten. Das Ziel zu formulieren, ist also statthaft. Die aktuelle Herausforderung lautet: Soviel wie möglich erneuerbare Energien nutzen. Wenn wir als EnergieAgentur.NRW unseren Beitrag dazu leisten können, dass der Anteil an regenerativen Energien und Energieeffizienz steigt, dann haben wir unsere Hausaufgaben gemacht.
Autor: Simon Opydo, bei der Triodos Bank im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig













