Archiv für die Kategorie ‘Kultur’

Japan macht betroffen

Freitag, 01. April 2011

 

Die Ereignisse in Japan machen mich betroffen. Die Naturkatastrophe mit Erdbeben und Tsunami hat Tausende von Leben gefordert, viele Menschen sind verletzt worden. Diese Verletzungen sind nicht nur körperlicher sondern auch seelischer Natur. Menschen haben ihre Liebsten verloren und viele haben ihr Hab und Gut oder auch ihre Heimat verloren.

Neben dieser sehr schlimmen Naturkatastrophe erleben wir täglich das Fortschreiten der Nuklear-Katastrophe. Diese ist von Mensch gemacht. Hierfür tragen Menschen Verantwortung. Auch durch diese Katastrophe hat es Verletzte gegeben. Arbeiter riskieren ihre Gesundheit, um noch Schlimmeres zu verhindern. Ihnen muss auch unsere Hochachtung und unser Mitgefühl gelten. Wahrscheinlich werden viele Menschen nicht mehr in Ihre Häuser zurück kehren können. Auch dies ist eine schlimme Erfahrung.

Japan ist eine sehr leidvolle Erfahrung.

Mich macht es sehr betroffen, dass Menschen oft nur durch solche schlimmen Erfahrungen lernen. Einsicht führt leider nur selten zu Veränderungen. Mich bewegt die Frage, was auch wir als Triodos Bank tun können, um Prozesse zu fördern, die zu einer Einsicht führen.
Auch in Sachen Atomenergie hat die Triodos Bank schon immer klar Stellung bezogen. In den letzten Tagen haben wir auf Facebook sowohl auf Demonstrationen hingewiesen als auch auf die Studie von urgewald.
Ich sehe die überall entstehenden Stromwechselparties, die noch mehr Menschen zu Ökostrom bringen sollen. Ich sehe auch mehr Veröffentlichungen, die im Zusammenhang mit dem aktueller Atomkatastrophe auf die Möglichkeit der Nachhaltigen Geldanlage hinweisen.
Ich stelle mir die Frage, wie man noch mehr Mitmenschen zu bewussten Verhalten und Konsum motivieren kann. Über jedes Feedback bin ich dankbar.

Internationales Presencing Treffen mit Otto Scharmer in Boston

Montag, 22. November 2010

Ende Oktober war ich in Boston beim Presencing Institute am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Das Presencing Institute wird von Otto Scharmer und seinem Team betrieben. Die inhaltliche Grundlage seiner Arbeit hat er in dem vielbeachteten Buch  TheoryU –  Führen von der Zukunft her dargelegt.

TheoryU entstand aus der Frage, ob man von einer im Entstehen begriffenen Zukunft lernen kann? Denn Lernen basiert traditionell auf den Erfahrungen der Vergangenheit. In vielen Fällen jedoch ist klar, dass wir mit unserem Vergangenheitswissen die Gegenwart und Zukunft nicht genügend begreifen, geschweigen denn gestalten können. Die Arbeit an dieser Fragestellung hat bei Otto Scharmer und seinem Team zu der Erkenntnis geführt, dass die wichtigste Führungsaufgabe nicht ist, Ziele zu definieren oder eine Zukunftsvision zu entwickeln. Die wichtigste Führungsaufgabe ist es, den individuellen und gemeinsamen Prozess des Sehens der Realität zu initiieren und dahingehend zu vertiefen, dass wir beginnen, entstehende Möglichkeitsräume wahrzunehmen (siehe Aufsatz Handeln von der Zukunft her).

Aus dieser Fragestellung heraus hat Otto Scharmer die TheoryU entwickelt. Sie basiert im Wesentlichen auf 150 Interviews mit Menschen, die täglich mit Innovationsprozessen zu tun haben. Die Interviews können auf der Website www.dialogonleadership.org gelesen werden. Sie sind teils wirklich sehr spannend zu lesen!

Kurz zusammengefasst stellt TheoryU einen Prozess dar, bei welchem der Grad der Aufmerksamkeit erhöht wird. Das beginnt mit einem offenen Denken, geht über ein offenes Fühlen bis hin zu einem offenen Willen. Damit wird angedeutet, wie sich der Grad der Aufmerksamkeit verstärken und vertiefen kann. TheoryU weist auch auf die Hindernisse hin, mit denen wir diesbezüglich zu tun haben: nämlich mit Vorurteilen, mit Zynismus und mit der Schwierigkeit, wirklich von sich loszukommen.

Ich habe Ende Oktober in Boston am ersten Treffen  von insgesamt fünf Treffen einer Master Class teilgenommen, genannt PI-Lab. Wir werden uns noch 2x pro Jahr bis 2012 in Boston einfinden. Teilnehmende sind 70 in TheoryU erfahrene Berufstätige aus der ganzen Welt: UnternehmerInnen, NGO-VertreterInnen, Landwirte und BeraterInnen. Die Frage, die uns alle bewegt und für die wir die weite Reise gemacht haben, ist die nach dem Grad der Aufmerksamkeit (level of awareness) aus der TheoryU. Die Aufmerksamkeit kann sich auf die eigene individuelle Entwicklung, auf die Zusammenarbeit mit anderen und auf die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen richten. Hierzu bedarf es einer Offenheit auf der intellektuellen, gedanklichen Ebene, eines offenen Herzens sowie eines gerichteten  Willens und einer Willensanstrengung. Ich muss versuchen, den Anderen gedanklich und emotional in mich aufzunehmen, mich für sie oder ihn wirklich zu interessieren, kurz: vom Ich zum Du. Erst diese Umkehrung des Willens, der eigenen Aktivität ermöglicht, dass ich die Welt draußen in mein Herz aufnehmen kann.

Die Motivation für mehr Aufmerksamkeit sind die großen Herausforderungen, vor denen wir, unsere Gesellschaft, unsere Welt stehen: der Klimawandel und die  notwendige Transformation zu 100% Erneuerbare Energien, die große soziale Frage – und dann natürlich die konkrete Umsetzung von Lösungsansätzen.

Es scheint, dass wir Menschen heute so einfache Dinge wie Interesse für den Anderen und Anteilnahme an der Welt erst wieder ganz neu lernen müssen. Es ist, als ob wir durch die industrielle und technologische Entwicklung der letzten 200 Jahre immer mehr in die Vereinzelung und damit in den Egoismus geraten. Die Form von Kapitalismus, die uns die jüngste Finanzkrise beschert hat, bestätigt dies ja in erschreckender Weise. Eine Teilnehmerin berichtete, wie sie eine Zeitlang in einem reichen europäischen Land gelebt hat und dachte, hier müssten doch alle Menschen glücklich sein. Sie erlebte aber das Gegenteil. Wieder zurück in ihrem südamerikanischen Heimatland wurde ihr bewusst, dass Technik und Geld nicht glücklich machen. Eine einfache Erkenntnis, aber nicht immer leicht, sie auch zu leben.

Das PI-Lab fand im Wechsel zwischen Vortrag und Diskussionen an kleinen runden Tischen mit maximal fünf Teilnehmern statt. Das Programm wurde ergänzt durch Gastbeiträge von Ed Schein, Professor für Change Management am MIT (siehe sein neuestes Buch „Helping“), Nicanor Perlas, kürzlich Präsidentschaftskandidat auf den Philippinen (links im Foto zu sehen neben Otto Scharmer), und Jeffrey Hollander, Gründer von Sevens Generations, einem großen Ökounternehmen in den USA .

Nicanor Perlas sprach über neueste wissenschaftliche Ergebnisse auf den Gebieten der Nano-Technik, Gen-Technik, Informationstechnologie und Geo-Engineering. Das Geo-Engineering betrifft die aktive Einflussnahme auf das Wetter und unser Klima zur Eingrenzung weiterer Erderwärmung. Er entwarf daneben ein humanistisches Menschenbild und sprach eindringlich von der Notwendigkeit, das Konzept des Menschen als freies Wesen zu pflegen und zu vertiefen. Sonst drohe die Gefahr, dass immer mehr Roboter und Maschinen unser Leben bestimmen.

Jeder Teilnehmer des PI-Lab ist aufgefordert, sich mit einem für ihn oder sie wichtigen Thema auch in der Zeit zwischen den Kursen zu beschäftigen. Dazu haben wir kulturell diverse 5-er Gruppen gebildet, die sich gegenseitig helfen und unterstützen. In meiner Gruppe sind ein Amerikaner, eine Brasilianerin, zwei Inder, eine Niederländerin und ich. Ich habe für mich das Projekt „die Triodos-Werte leben“ gewählt. Wie geht das? Wo muss ich bei mir beginnen, mich verändern, meine eigene Aufmerksamkeit erhöhen? In den Gesprächen haben wir auf die Bilder geachtet, die vor das innere Auge kommen, wenn die oder der Andere von dem Thema erzählt, mit dem sie/er sich in der Zeit zwischen den Kursen beschäftigen möchte. Hierzu hat Otto Scharmer die Vorgehensweise des sogenannten „case clinic“ vorgeschlagen (case clinic). Es ist hochspannend, mehr auf diese Bilder zu achten und sich zu fragen: welche Zukunft kann sichtbar werden, wenn es gelingt, die Aufmerksamkeit darauf zu erhöhen? Da wir im PI-Lab ja ganz am Anfang des Übens stehen, werde ich hiervon in einem späteren Blog-Beitrag mehr berichten.

Mit 95 Fragen und Katha Beck nach Bochum – für das Ruhrgebiet Kulturhaupstadt 2010

Dienstag, 23. März 2010

Gestern waren wir in der Kulturhaupstadt 2010 - besser an einem der vielen Schauplätze der Kulturregion: In Bochum. Dieses Mal mit unserer Gastreporterin Katharina Beck, die nicht nur auf Kathas Welt über alles rund um einen nachhaltigen Lebensstil bloggt, sondern die sich auch noch am Institute for Social Banking für ein sozial-orientiertes Geldwesen engagiert. Wir sind natürlich auch eines der Mitglieder dieses spannenden Instituts.

Die Frage der Woche dieses Mal im Gepäck: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Eines war ganz klar: Wir können nicht in die Kulturregion rund um die Ruhr reisen, ohne dabei auch mit einem Vertreter aus der Kreativ- und Kulturwirtschaft dort zu sprechen.

Die Kulturhaupstadtveranstalter haben – so finde ich – einen zukunftsweisenden Schritt gewagt. Denn, so der O-Ton: “Nie zuvor hat eine Kulturhauptstadt die Kreativwirtschaft zu einem ihrer Hauptthemen gemacht und sie gleichberechtigt in ein Programm neben die öffentlich finanzierte Kultur gestellt. Zum ersten Mal werden die selbstständigen Akteure und Urheber, die ihre Kulturproduktion am Markt refinanzieren (müssen), als Modellbranche für den Wandel durch Kultur wahrgenommen. RUHR.2010 hat die elf Branchen der Kreativwirtschaft als treibende Kräfte gesellschaftlicher und sozialer Veränderungen erkannt (von Film über Games bis Musik, von Literatur über Design zu den darstellenden Künsten). Der Jahresumsatz der 23.000 Firmen der Kreativwirtschaft in der Region wird auf etwa 8 Milliarden Euro geschätzt. Der Zuwachs an Unternehmen lag seit 2006 mit 14 Prozent doppelt so hoch wie bei anderen Branchen. Diese Zahlen zeigen die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung der Kreativwirtschaft für die Metropole Ruhr und belegen, wie wichtig es ist, diese Unternehmen aktiv zu unterstützen.”

Also, wollten wir einen der Köpfe dieses aufstrebendem Wirtschaftbereichs im Ruhrgebiet treffen: Gesagt, getan, wir haben auch Frank Tentler, von der Bochumer stART Konferenz, die Frage der Woche gestellt.

Nun aber genug, seht einfach selbst! Bühne frei für Bochum!

“In welcher Gesellschaft wollen wir leben?” from 95fragen_de on Vimeo.

Die Frage der Woche: Warum sehen viele Menschen bei neuen Ideen eher das Risiko als die Chance?

Dienstag, 23. Februar 2010

Gestern war für uns der Unternehmer Ralf Lippold in Dresden als 95Fragen-Gastreporter unterwegs (hier geht es zu seinem Blog). Die beliebteste Frage auf 95fragen.de war dieses Mal: “Warum sehen viele Menschen bei neuen Ideen eher das Risiko als die Chance?”  Die Antworten auf 95fragen.de? Ganz unterschiedlich. Hier einmal ein paar Auszüge von der Gesprächsplattform:

25.11. Alex, Texter Wiesbaden: Auch interessant: Manche Etymologen vertreten die These, dass “Risiko” vom arabischen رزق (rizq) stammt – das tägliche Brot, der von Gott gegebene Lebensunterhalt. Auch deshalb hängen wir wohl so am “Risiko”

28.11. Ulla Keienburg, Heimathafen Hamburg: “Glück muss man können!” Sie müssten sich entscheiden und sich dann bewegen – beides braucht Mut und Kraft. Ihre Energie investieren sie aber lieber in die Bestandssicherung. Zudem sind ihre Beurteilungskriterien eher “wahr” und “falsch” als “mehr oder weniger nützlich”!

30.11. Immo Lünzer, Avantgardist & PublizistDarmstadt: Ist das überhaupt so? Ich denke, dass oft mehr die Chancen gesehen werden als das Risiko, z. B. bei der Atom- oder Gentechnik.

04.12. Nicola: …in Deutschland. Das ist zum Teil Erziehung/ Kultur!! In anderen Ländern ist das ein wneig anders :o )

13.12. Silke, Studentin Berlin: Weil Chancen in der Zukunftbegründet liegen und Risiken in der Vergangenheit. Das eine hat eher mit Hoffnung und Vertrauen, das andere mit Wissen und Enttäuschung zu tun..

15.12. Anonym: Weil die Angst des Menschen vor dem Verlust stets größer ist als seine Hoffnung auf Gewinn. Ganz wie im Gleichnis von dem Spatzen in der Hand…

17.12. Michael Werner, Berater Hamburg: Weil die Offenheit für die Zukunft nicht vom Himmel fällt.

19.12. K. Herrmann, Operator, Sachbearbeiter Erfurt: Weil jeder Mensch das Ungewisse scheut

19.12. FJL, Bio-Gemüsegärtner, Stadtlohn: Weil die meisten von uns negativ erzogen werden (tu dies nicht, das kannst du noch nicht usw.) und weil zusätzlich Glücklichsein und das Ergreifen von Chancen erlernt werden müssen. Das gibt das Elternhaus oftmals nicht, die Schule gar nicht her.

Zum Wochenende: Sustainable dancing mit der Triodos Bank

Freitag, 05. Februar 2010

Eines meiner Lieblingsprojekte, das wir in den Niederlanden finanziert haben: Der Sustainable Dance Club - so lässt sich nachhaltig feiern. Unsere Kollegen in den Niederlanden finanzieren solche spannenden Projekte nun ja schon seit 30 Jahren – was es bis heute so alles gibt, findet Ihr unter “mijngeldgaatgoed“!

Jetzt allen ein nachhaltig schönes Wochenende!

Gemeinsam etwas bewegen! Internationales Treffen der Geschäftskundenleiter

Freitag, 05. Februar 2010

Aarstiderne

Diese Woche  trafen sich die Leiter der Geschäftskunden-Abteilungen in unserer Zentrale im niederländischen Zeist (das liegt unweit von Utrecht), da ich diesen Bereich für Deutschland, neben meiner Tätigkeit als Geschäftsleiter, verantworte, war ich auch dabei. Die Kollegen kommen aus den fünf Ländern, in denen wir bereits – teils seit über 30 Jahren – Kredite vergeben: Das sind die Niederlande, Belgien, Großbritannien, Spanien und Deutschland. Das Kreditvolumen ist in allen Ländern auch dieses Jahr wieder stark gewachsen. Was das genau heißt, verraten wir Ende Februar, wenn die Zahlen für 2009 offiziell präsentiert werden.

Bei diesen Treffen geht es insbesondere um einen intensiven Erfahrungsaustausch. Es ist sehr bereichernd, zum Beispiel von den niederländischen oder belgischen Kollegen zu hören, wie sie ihre Abteilungen intern organisieren. Das ist tatsächlich in jedem Land anders. Und das sagt wieder etwas aus über unsere Kultur bei Triodos aus, nämlich, dass Triodos kein Konzern ist mit einer einheitlichen, top-down verordneten Organisationsstruktur, sondern, dass jedes Land große Freiheiten hat, sich intern so zu organisieren, wie es zu Landeskultur und den dort arbeitenden Menschen passt.

Ein weiteres Thema war eine eine Sektor-Studie zum Thema soziales Wohnen und gemeinschaftliche Wohnprojekte, die von Triodos-Mitarbeitern erstellt wurde. Es gibt in allen Ländern, in denen Triodos aktiv ist, viele verschiedene solcher engagierten Unternehmen, Vereine, Sozialgemeinschaften und freien Wohngemeinschaften, die sich für gemeinsames Wohnen einsetzen. So zum Beispiel die Ethical Property Company – ein langjähriger Kreditnehmer der britischen Kollegen (in der aktuellen ENORM ist auch ein kurzer Beitrag dazu). Ein besonderer Aspekt dieser Wohnformen ist der Mietpreis, der möglichst unter dem normalen Marktniveau liegen sollte, damit besonders auch diejenigen dort wohnen, die sich eine normale Miete nicht leisten können. Schauen Sie mal hier vorbei. Dort finden Sie sämtliche Kredite, die die Triodos Bank in Großbritannien in soziale Wohnprojekte vergeben hat. Es ist wirklich beeindruckend und es zeigt, was unsere Privatkunden mit Ihrem Geld bei uns bewegen können – denn darum geht es im Kern: Jeder kann etwas bewegen – auch mit seinem Geld, das wir dann in Projekte und Unternehmen wie diese investieren.

P.S. Das Bild oben zeigt einen Teil des Teams von Aarstiderne einem sehr innovativen “Bio-Kisten-Versender”. Als Aufsichtsratmitglied begleite ich dieses spannende dänische Unternehmen schon seit einiger Zeit und jetzt gibt es Aarstiderne auch im deutschen Norden!

Wir sind das Ruhrgebiet

Freitag, 15. Januar 2010

 plakat_ruhr2010

„Und woher kommst Du?“ „Ich komme aus Essen – aus dem Ruhrgebiet, aus dem Pott.“ Das ist meine Antwort. Und darauf bin ich stolz – oft sage ich das dann im Gespräch auch ganz direkt: ich bin stolz darauf, aus dem Ruhrgebiet zu kommen. Das ist auch notwendig. Denn die Reaktion auf meine Heimat ist nicht selten geprägt von einem gewissen Mitleid…und einige lassen sich sogar zu Witzen hinreißen – und es sind immer die gleichen über Zechen, Kohlestaub oder Staublunge.
Nein, wenn man sich als Ruhrpottler outet, dann kann man keine Begeisterungsausbrüche erwarten. Wir sind nicht hip, reich, schön wie Hamburg, Berlin, Köln oder München. Touristen verirren sich nur selten in unsere Gegend – durch das Ruhrgebiet „fährt man durch“ oder „steigt dort um“…und diese Erfahrung reicht vielen schon, um eine pauschale Meinung über die Region abzugeben; „Also den Hauptbahnhof in Essen/Bochum/ Dortmund fand ich ja furchtbar.“, „Auf der A40 stand ich stundenlang im Stau, grauenvoll.“
Schade, dass sich nur wenige die Mühe machen, mal länger zu verweilen: denn die Menschen aus dem Pott sind eine ganze besondere Gattung: ehrlich, offen, nett. Trockener Humor und Selbstironie sind ihr Markenzeichen – trotz all der Probleme, die die Region hat, bewahren sie sich das. 
Ich komme nicht einfach nur aus Essen, sondern aus dem Ruhrgebiet. Schon mal jemanden in Frankfurt getroffen, der sagt, dass er aus dem Rhein-Main-Gebiet kommt? Auch wenn auf politischer Ebene eine Einheit der Städte trotz aller Initiativen nicht zustande kommt – die Menschen im Ruhrgebiet leben das Wir jeden Tag.
Und wir haben alles Recht dazu, auch als „strukturschwache Region“ stolz zu sein: das Ruhrgebiet hat so viel zu bieten – was auch immer man über Ruhr2010 (teilweise zu recht) denken mag, es zeigt die kulturelle Vielfalt der Region. Und es gibt dem Rest von Deutschland die Chance, das antiquierte Bild vom Pott endlich mal zu überholen.
Nein, Ruhr2010 wird die tiefgreifenden Probleme des Ruhrgebiets nicht lösen und ja, man hätte die Ressourcen sinnvoller verwenden können, für langfristigere Strategien, insbesondere auch für eine Nachhaltigkeitsstrategie wie Herr Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, in seinem Gastbeitrag in Die Zeit vom 07.01. darstellt.
Aber es besteht die Hoffnung, dass Ruhr2010 das Wir-Gefühl der Menschen im Ruhrgebiet noch weiter stärkt und zu unserem ganz persönlichen Sommermärchen wird (auch wenn alle bei der Eröffnungsveranstaltung letzte Woche im Schnee gefroren haben). Vielleicht schafft dies dann auch das Umfeld für tiefgreifendere, notwendige Veränderungen.

Herbert Grönemeyer, Komm zur Ruhr, 2010
Wo ein raues Wort dich trägt, weil dich hier kein Schaum erschlägt,
wo man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt.
Wo man gleich den Kern benennt und das Kind beim Namen kennt.
Von klarer offner Natur, urverlässlich, sonnig stur,
leichter Schwur: Komm zur Ruhr.

Schnörkellos ballverliebt, wetterfest und schlicht.
Geradeaus, warm, treu und laut -
hier das Leben, da der Mensch, dicht an dicht.

Jeder kommt für jeden auf, in Stahl gebaut.
Und der Hang zum dürretrockenen Humor.
Und der Gang, lässig und stark.
Wer morgens verzagt, hat’s mittags längst bereut.
Es ist wie es ist, es wird Nacht und es wird Tag.

Wo ein raues Wort dich trägt, weil dich hier kein Schaum erschlägt,
wo man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt.
Wo man gleich den Kern benennt und das Kind beim Namen kennt.
Von klarer offner Natur, urverlässlich, sonnig stur,
so weit so pur: Komm zur Ruhr.

Leute geben, Leute sehn, sie bewegen, sie verstehn, alle vom Flussrevier.
Dass der Rhein sich neu genießt, liegt an diesem Glücksgebiet.
Alles fließt, alles von hier.

Wo ein Wort ohne Worte zählt, dir das Herz in die Arme fällt.
Wo “woher” kein Thema ist, man sich mischt und sich nicht misst.
Wo man gleich den Kern benennt und das Kind beim Namen kennt.
Von klarer offner Natur, urverlässlich, sonnig stur – das ist Ruhr.
Seelenruhr von schwerverlässlicher Natur.
Urverlässlich, sonnig, stur – so weit, so ur: Seelenruhr.
Ich mein ja nur: Komm zu Ruhr.