Wir sind das Ruhrgebiet

Stefanie_Erhardt

 plakat_ruhr2010

„Und woher kommst Du?“ „Ich komme aus Essen – aus dem Ruhrgebiet, aus dem Pott.“ Das ist meine Antwort. Und darauf bin ich stolz – oft sage ich das dann im Gespräch auch ganz direkt: ich bin stolz darauf, aus dem Ruhrgebiet zu kommen. Das ist auch notwendig. Denn die Reaktion auf meine Heimat ist nicht selten geprägt von einem gewissen Mitleid…und einige lassen sich sogar zu Witzen hinreißen – und es sind immer die gleichen über Zechen, Kohlestaub oder Staublunge.
Nein, wenn man sich als Ruhrpottler outet, dann kann man keine Begeisterungsausbrüche erwarten. Wir sind nicht hip, reich, schön wie Hamburg, Berlin, Köln oder München. Touristen verirren sich nur selten in unsere Gegend – durch das Ruhrgebiet „fährt man durch“ oder „steigt dort um“…und diese Erfahrung reicht vielen schon, um eine pauschale Meinung über die Region abzugeben; „Also den Hauptbahnhof in Essen/Bochum/ Dortmund fand ich ja furchtbar.“, „Auf der A40 stand ich stundenlang im Stau, grauenvoll.“
Schade, dass sich nur wenige die Mühe machen, mal länger zu verweilen: denn die Menschen aus dem Pott sind eine ganze besondere Gattung: ehrlich, offen, nett. Trockener Humor und Selbstironie sind ihr Markenzeichen – trotz all der Probleme, die die Region hat, bewahren sie sich das. 
Ich komme nicht einfach nur aus Essen, sondern aus dem Ruhrgebiet. Schon mal jemanden in Frankfurt getroffen, der sagt, dass er aus dem Rhein-Main-Gebiet kommt? Auch wenn auf politischer Ebene eine Einheit der Städte trotz aller Initiativen nicht zustande kommt – die Menschen im Ruhrgebiet leben das Wir jeden Tag.
Und wir haben alles Recht dazu, auch als „strukturschwache Region“ stolz zu sein: das Ruhrgebiet hat so viel zu bieten – was auch immer man über Ruhr2010 (teilweise zu recht) denken mag, es zeigt die kulturelle Vielfalt der Region. Und es gibt dem Rest von Deutschland die Chance, das antiquierte Bild vom Pott endlich mal zu überholen.
Nein, Ruhr2010 wird die tiefgreifenden Probleme des Ruhrgebiets nicht lösen und ja, man hätte die Ressourcen sinnvoller verwenden können, für langfristigere Strategien, insbesondere auch für eine Nachhaltigkeitsstrategie wie Herr Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, in seinem Gastbeitrag in Die Zeit vom 07.01. darstellt.
Aber es besteht die Hoffnung, dass Ruhr2010 das Wir-Gefühl der Menschen im Ruhrgebiet noch weiter stärkt und zu unserem ganz persönlichen Sommermärchen wird (auch wenn alle bei der Eröffnungsveranstaltung letzte Woche im Schnee gefroren haben). Vielleicht schafft dies dann auch das Umfeld für tiefgreifendere, notwendige Veränderungen.

Herbert Grönemeyer, Komm zur Ruhr, 2010
Wo ein raues Wort dich trägt, weil dich hier kein Schaum erschlägt,
wo man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt.
Wo man gleich den Kern benennt und das Kind beim Namen kennt.
Von klarer offner Natur, urverlässlich, sonnig stur,
leichter Schwur: Komm zur Ruhr.

Schnörkellos ballverliebt, wetterfest und schlicht.
Geradeaus, warm, treu und laut -
hier das Leben, da der Mensch, dicht an dicht.

Jeder kommt für jeden auf, in Stahl gebaut.
Und der Hang zum dürretrockenen Humor.
Und der Gang, lässig und stark.
Wer morgens verzagt, hat’s mittags längst bereut.
Es ist wie es ist, es wird Nacht und es wird Tag.

Wo ein raues Wort dich trägt, weil dich hier kein Schaum erschlägt,
wo man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt.
Wo man gleich den Kern benennt und das Kind beim Namen kennt.
Von klarer offner Natur, urverlässlich, sonnig stur,
so weit so pur: Komm zur Ruhr.

Leute geben, Leute sehn, sie bewegen, sie verstehn, alle vom Flussrevier.
Dass der Rhein sich neu genießt, liegt an diesem Glücksgebiet.
Alles fließt, alles von hier.

Wo ein Wort ohne Worte zählt, dir das Herz in die Arme fällt.
Wo “woher” kein Thema ist, man sich mischt und sich nicht misst.
Wo man gleich den Kern benennt und das Kind beim Namen kennt.
Von klarer offner Natur, urverlässlich, sonnig stur – das ist Ruhr.
Seelenruhr von schwerverlässlicher Natur.
Urverlässlich, sonnig, stur – so weit, so ur: Seelenruhr.
Ich mein ja nur: Komm zu Ruhr.

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