
In unserer vorletzten Ausgabe des Mehr.Wert-Newsletters hatten wir ein Interview mit Thomas Gutberlet, Vorstandsvorsitzender von tegut… veröffentlicht. Aufgrund der vielen positiven Ressonanz, die uns daraufhin erreicht hat, gibt es nun auch eine Langversion des Interviews mit weiteren sehr spannenden Aussagen von Herrn Gutberlet. Viel Spaß beim Lesen!
„Zukunft finanzieren“
Gespräch mit Thomas Gutberlet, Vorstandsvorsitzender von tegut…

In den 1970er Jahren hat Ihr Vater, Wolfgang Gutberlet, erste Akzente in Richtung Nachhaltigkeit gesetzt. Was hat er damals anders im Vergleich zum Wettbewerb gemacht?
Als mein Vater in das Unternehmen gekommen ist, hat er sich zuerst die Frage gestellt: Wie arbeiten wir bei tegut… zusammen? Er hat das Unternehmen von seinem Vater, Theo Gutberlet, übernommen, der es im Sinne einer christlich-kaufmännischen Tradition aufgebaut hatte, stark verwurzelt in der Region. Sein Vater war ein Pionier, das Unternehmen ganz auf seine Person fokussiert. Auf diese Weise wollte und konnte mein Vater das mittlerweile stark gewachsene Unternehmen tegut… nicht leiten. Er führte gruppendynamische Seminare ein, in denen es um eine Weiterentwicklung der Zusammenarbeit ging.
Das geschah in den 1970er Jahren. Er stellte sich damals zudem die Frage: Was verkaufen wir eigentlich? Gibt es auch eine Definition für die Qualität von Lebensmitteln? Im Zuge dessen ist mein Vater auf Bio-Lebensmittel gestoßen, indem er die „Lebensgemeinschaft Sassen“ kennen lernte. Diese Einrichtung kümmert sich um Behinderte in der Region und betreibt eine biologisch-dynamische Landwirtschaft. Meine Familie lebte damals bereits auf einem Bauernhof, mit Schafen und Rindern – und da hat sich mein Vater gefragt: Wie lässt sich vernünftig Landwirtschaft betreiben? Wie kann man Grundlagen für gesunde Lebensmittel legen? Ich selbst kam 1977 auf eine Waldorfschule und hatte auch dort die Möglichkeit, Bio-Landwirtschaft mitzuerleben.
1982 kamen Bioprodukte bei tegut… in die Regale der Märkte – in einer Zeit, in der Biolebensmittel noch ein Nischenthema waren.
Das erste Bio-Produkt in unseren Märkten war ein Bio-Brot von der Lebensgemeinschaft in Sassen. Was ins Sortiment kam, wurde vorher in der Familie getestet. Es gab einen ersten Bioladen in Fulda, da wurde eingekauft. Unsere Überlegung war: Diese Produkte muss es auch bei tegut… geben! Denn im Grunde muss Bio für jeden zugänglich sein. Wir haben versucht, Landwirte zu finden, die für uns Biomilch produzieren. Bald kam ein Kontakt mit Götz Werner und Götz Rehn zustande, wodurch im Dreierteam das Unternehmen „Alnatura“ aus der Taufe gehoben wurde. Alle waren auf der Suche, man hat sich getroffen – und daraus ist etwas Neues entstanden. Schließlich haben wir gesagt: Wir nehmen alle Produkte ins Sortiment, die „Alnatura“ entwickelt.
Heute gibt es bei tegut… über 3.000 Bioprodukte, was rund 20 Prozent des Sortiments entspricht. Warum haben Sie nicht vollständig umgesattelt und zu 100 Prozent Biowaren in Ihre Regale gestellt?
Wir sind ein Unternehmen, das seit 1947 existiert – entstanden aus einem Tante- Emma-Laden und hineingewachsen in die Rolle des Vollversorgers. Wir versuchen, das Unternehmen schrittweise zu verwandeln. Genauso wie wir unsere Kultur weiterentwickeln, verändern wir auch unser Sortiment. Die meisten Menschen ernähren sich nicht zu 100 Prozent von Biolebensmitteln. Da gibt es eine Gruppe, die sich zwar biologisch ernährt, aber keine Biotextilien trägt oder keine Naturkosmetik verwendet. Es bezieht auch nicht jeder Ökostrom. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie weit er in dieser Frage geht. Wir wollen unsere Kunden nicht erziehen, sondern sehen Sie als mündige Verbraucher, die ihre eigenen Entscheidungen treffen, denn jeder hat seine Präferenzen – und das versuchen wir abzubilden. Ich kann immer nur Angebote machen und die Menschen informieren, ich kann sie nicht dazu zwingen, Biolebensmittel zu kaufen. Somit sind wir ein Lebensmittelfachmarkt, der mit einem Bioanteil von 20 Prozent einmalig im deutschen Einzelhandel ist. Wir sind also kein reiner Bioladen. Diese Rolle hat das Unternehmen „Alnatura“ übernommen, das damit auch diese Nische bedient. Denn Bioläden sind immer in einer Nische zu Hause, in kleineren Orten findet man sie fast gar nicht. Da brauchen Sie mindestens 100.000 Einwohner. Wir können aber sogar auf die Dörfer gehen, wir haben Läden in Dörfern mit 1.000 Einwohnern und bieten dort 30 bis 40 Prozent Biowaren an. Wir schaffen es, Biowaren bis in die entlegensten Winkel zu bringen, wozu ein reiner Bioladen nicht in der Lage ist.
In diesem Zusammenhang liegt uns ein besonderes Projekt am Herzen: die Nahversorgung des ländlichen Raums. Es gibt zunehmend Gemeinden mit 1.000 oder 2.000 Bürgern, die keinerlei Lebensmittelversorgung mehr haben und denen auch weitere Dienstleistungen fehlen. Es gibt dort viele ältere Menschen, diese wollen oder können nicht mehr mit dem Auto zum Einkaufen fahren. Wir haben jetzt eine Initiative gestartet, die sich „tegut… Lädchen für alles“ nennt. Wir arbeiten da teils mit Wohltätigkeitsorganisationen und eng mit den Gemeinden zusammen, um kleine Läden mit bis höchstens 300 Quadratmetern zu betreiben.
Was steckt hinter der Initiative „tegut… FAIRbindet“?
Es gibt Organisationen, die sich mit fairem Handel beschäftigen. Wir wollten aber nicht alle Beziehungen an Fremde auslagern, weil wir gerne im persönlichen Kontakt mit den Landwirten stehen. Die sind manchmal sehr weit weg, zum Beispiel die Bananenbauern in der Dominikanischen Republik. Den Kontakt nehmen wir trotzdem selbst in die Hand: Wir reisen dorthin und prüfen vor Ort, ob unsere Vorstellungen von Biolandwirtschaft verwirklicht werden. Vor Ort haben wir die Menschen überzeugt, Bananen-Plantagen anders anzulegen und Zwischenpflanzen anzubauen. Sie sollen anfangen, sich wieder selbst zu versorgen, wodurch sie unabhängiger vom Bananenpreis sind. Wenn ich ausschließlich für den Export produziere, bin ich nur von meinem Einkommen abhängig, um meine Familie zu ernähren. Baue ich aber Nutzpflanzen wie Maniok an, ändert sich meine Situation.
Unsere Kleinanbauer in der Dominikanischen Republik sind selbständig. Sie haben in ihrer Plantage zunehmend in jeder 3. Reihe ein Alternativprodukt und bauen auf der neuen, freien Fläche Produkte für den Eigenbedarf an. Der Effekt ist erstaunlich: Insgesamt haben sie auf ihrer Plantage so viele Bananen wir vorher, weil die übrigen Stauden mehr tragen, und sie sichern ihre Existenz zusätzlich durch Eigenanbau. Durch die Sorten-Differenzierung und Artenvielfalt wachsen die Bananen viel besser. Da zeigt sich wieder, dass Monokulturen keine Anbauvariante mit guten Ergebnissen sind. Sie führen eben nicht zu mehr Ertrag pro Hektar. Wir finden, diese Form von fairem Handel, die zudem die Eigenständigkeit der Anbauer sichert, besser, als einfach eine anonyme Banane mit einem höheren Preis anzubieten.
Fairer Handel spielt bei Ihnen aber auch in Deutschland eine Rolle, ein Beispiel ist der „Milchfonds“, den Sie ins Leben gerufen haben.
Wir haben am Milchpreis gearbeitet und einen „Milchfonds“ gegründet. Die Frage war: Was ist eigentlich ein fairer Milchpreis für den Landwirt? Der Auszahlungspreis für die Landwirte war deutlich gesunken. Diese Preissenkung um sieben Cent machte sich auch bei unserem Einkaufspreis bemerkbar. Doch wir haben sie nicht an den Verbraucher weitergegeben, sondern nutzen die Preisdifferenz seitdem, um Projekte zu finanzieren, die den Landwirten eine Veränderung ihrer Systeme möglich machen. Es geht nicht darum, einfach sieben Cent an die Landwirte auszuzahlen. Vielmehr versuchen wir Projekte zu realisieren, bei denen Landwirte ihre Milchproduktion in die eigene Hand nehmen oder neuartige Genossenschaften bilden. Wir wollen die Kunden dabei mitnehmen. So unterstützen wir Schulmilch-Projekte. Eine andere Initiative ist die Einführung von Vorzugsmilch; Der Landwirt liefert wieder direkt an die Filiale. Kann nicht ein Landwirt wieder selbst den Vertrieb seiner Produkte übernehmen? Auf neue, moderne Art und Weise? So sinkt auch der Ressourcen-Verbrauch auf dem Weg zum Kunden. Das alles läuft unter unserer Initiative: „tegut… FAIRbindet“.
Wie engagieren Sie sich für Lebensmittel ohne Gentechnik?
Wir halten Gentechnik auf Äckern nicht für tragfähig, ob bei uns in Deutschland oder in der ganzen Welt. Als Lebensmittel-Unternehmen engagieren wir uns für gentechnikfreie Produkte, weil wir als Teil dieser Branche eine große Verantwortung für die Lebensmittelversorgung zukünftiger Generationen haben. Bei unseren Eigenmarken haben wir sehr früh auf den Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen verzichtet; da war es nur konsequent dies auch auf Futtermittel auszudehnen. So haben wir auch als erste unser gesamtes Frischei-Sortiment auf „Ohne Gentechnik“ umgestellt und haben es ebenso bei unserer Eigenmarken-Milch und unseren Eigenmarken-Milchprodukten geschafft, wie bei unserem Eigenmarken-Schweinefleisch- und unseren TK-Geflügelprodukten.
Sie verkaufen bei tegut… nur Fisch aus nachhaltiger Fischerei?
Wir führen in unseren Theken nur noch Fisch, der entweder biozertifiziert ist oder aus nachhaltiger Fischerei kommt. Das gilt auch für alle Eigenmarken, aber noch nicht für die letzte Konserve im Sortiment. Das ist immer verbunden mit einer Verzichtsübung; auch für den Kunden, denn an unserer Fischtheke haben wir eine ganze Reihe von Sorten aus dem Angebot genommen. Bei Konserven arbeiten wir noch daran: Wir sind nicht so mutig gewesen, auf einen Schlag das gesamte Sortiment umzustellen, da müssen wir schrittweise vorgehen, um unseren Kunden die Möglichkeit zu geben, sich dem Weg anschließen zu können.
Warum fordern Sie ein Bewusstsein für die gesamte Wertschöpfungskette in der Landwirtschaft?
Faire Landwirtschaft heißt: Alle Mitspieler müssen sie als fair empfinden. Oft wird gedacht, Fairness bedeutet, der Landwirt bekommt mehr Geld für seine Produkte. Wenn damit aber der Kunde nicht einverstanden ist, wird daraus kein fairer Handel. Das geht nur über ein entsprechendes Bewusstsein: Was passiert eigentlich in der Wertschöpfungskette? Den Kunden sollte man erklären: Passt auf, Ihr zahlt nicht für die Vergangenheit; Ihr habt falsche Zahlungsvorstellungen. In Wirklichkeit finanziert Ihr Zukunft. Wenn die Kunden uns heute für Waren Geld geben, bezahlen wir ja nicht die Ware, die sie gekauft haben. Vielmehr erwerben wir damit neue Waren, die der nächste Kunde kaufen kann, oder geben finanzielle Mittel, mit denen zukünftig Produkte erzeugt werden können.
Es geht also um die Gestaltung der Zukunft?
Ja, denn das bedeutet: Wenn wir jetzt auf den Milchpreis schauen, lautet die Frage nicht, ob das Geld dem Bauern heute reicht. Wenn er zurückhaltend lebt und nicht viel Geld ausgibt, kann er vielleicht ein Jahr durchstehen. Aber er kann keine Zukunft gestalten, keinen neuen Stall bauen, ihn nicht erhalten oder renovieren. Er kann auch keine neuen Zäune bauen. Wir finanzieren seine Zukunft, das ist die eine Seite der Medaille. Die andere sieht so aus: Wir müssen bei den Landwirten um Verständnis werben, dass es in Deutschland wirklich Menschen gibt, die arm sind. Das sind sicher 10 Prozent der Bevölkerung. Dieser Teil der Gesellschaft will sich trotzdem gesund ernähren. Also müssen wir aufpassen, dass wir bei den Preisen nicht überziehen. Es kommt auf Ausgewogenheit an, wir brauchen Produkte, die nachhaltig und gesund sind – und trotzdem von armen Familien erworben werden können.
Landwirte sollte man fragen: Haben Sie sich beim Kauf Ihres letzten Traktors Gedanken gemacht, wie viel Geld der Felgen-Produzent bekommen hat? Wir verlangen heute vom Kunden, dass er sich beim Milchkauf überlegt, was der Landwirt dafür erhalten hat. Dann muss sich aber auch der Landwirt klar machen: Was hat eigentlich der Motorfabrikant bekommen, was der Traktor- oder Saatgutverkäufer? Wenn ich von anderen verlange, dass sie an mich denken, muss ich in derselben Weise an sie denken. Man muss einen Wertschöpfungsstrom erleben – und erkennen: Ich selber bin ein Teil davon.
Das ist für uns Händler wichtig, weil wir immer eine Mittlerrolle einnehmen. Bei uns sagen die Kunden: „Ihr seid zu teuer!“ Und die Landwirte sagen: „Ihr gebt uns zu wenig Geld!“. Wir können den Landwirten nur mehr bezahlen, wenn die Kunden bereit sind, für Qualität angemessene Preise zu akzeptieren. Und den Kunden können wir bessere Preise machen, wenn wir die Prozesse mit unseren Lieferanten möglichst effizient gestalten.
Die Fragen stellte Ingo Leipner (Textagentur EcoWords).
Kategorien: Umwelt